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Aug 30 2011

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Rhetorik – Redekunst

Rhetorik

„Bist du wirklich zu blöd dafür?“ schreit der Spies den Rekruten an, den er zum Automaten schickte um Zigaretten zu holen, „Fällst hin, und verbiegst das Fünf-Mark-Stück?!“.

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Geht es Ihnen auch so? Nein, nicht dass sie zu blöd zum Zigaretten holen sind, sondern dass sie bei Rhetorik zuerst an die „rhetorische Frage“ denken? Der alte Witz oben besteht gleich aus zwei dieser rhetorischen Fragen. Ihre Besonderheit ist, dass es eigentlich gar keine Fragen sind, denn niemand erwartet eine Antwort darauf. Vielmehr ist es ein Aussagesatz, der in die Frageform gepresst wurde und auf diese Weise indirekt gemacht wurde. Die rhetorische Frage ist also eine indirekte Aussage, verkleidet als Frage. Das klingt nach höherer Sprachkunst. Und genau darum geht es in der Rhetorik.

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Die Kunst der Rede

Rhetorik ist altbekannt. Es gab sie schon in der griechischen Antike – und deshalb hat sie auch von dort ihren Namen. Vielleicht ist die Rhetorik also auch Schuld, dass die Griechen jetzt den Euro und Europa ein Problem hat. Aber Spass beiseite.

Rhetorik ist die Redekunst. Die Kunst eine Rede zu halten. Die Kunst, mit der Rede erfolgreich zu halten. Zuhörer zu erreichen, zu bewegen, zu überreden – besser noch – zu überzeugen. Es ist also nicht damit getan, bloss rhetorische Fragen stellen zu können, auch wenn diese ein wirkungsvolles Mittel sind, seine Meinung durch zu setzen. Aber Rhetorik ist mehr.

Eine gute Rede halten

Die Rhetorik umfaßt alles, was dazu nötig ist, aus einer Rede eine besonders gute Rede zu machen. Das beginnt schon mit der Vorbereitung.
Wo werde ich die Rede halten .. Konferenzraum, Cafeteria, Fernsehstudio oder nur am Telefon?
Wie werden ich sie halten .. rein mündlich, medial unterstützt, alleine oder mit anderen?
Wann werde ich sie halten .. früh oder spät? Wie wird das Befinden meines Publikums sein? Sind sie grade noch aufnahmefähig, oder muss ich sie erst wecken?

Die fünf Stadien

Grundbausteine für die Vorbereitung einer guten Rede nach den Regeln der Rhetorik sind die fünf Stadien

Inventio

Um was geht es in der Rede? Welche rationalen Argumente habe ich? Habe ich Möglichkeiten das Thema emotional anzugehen?

Disposito

Hier wird nun gesammelt und gegliedert. Was sage ich in der Einleitung, was im Haupteil, womit schließe ich mein Fazit ab?

Elocutio

Wie kann ich die Rede nun sprachlich noch überarbeiten? Kann ich rhetorische Figuren(s.u.) einbringen? Wie reisse ich meine Zuhörer am besten mit? Wie formuliere so, dass das Gemeinte dem Gesagten, besser noch dem Verstandenen möglichst nahe kommt?

Mnemoria

Nun geht es an das Erlernen bzw. Auswendiglernen der Rede.

Actio & Pronunciatio

Hier geht es nun darum, die Rede gebührend und erfolgreich vorzutragen. Dazu gehört passende Mimik, Gestik sowie Tonlage und Stimmlautstärke. Aber auch Tempo, Körperhaltung, Präsenz des Sprechers. Ja, sogar die Pausen gehören dazu. Rhetorische Pausen können dazu dienen, Informationen beim Empfänger „sacken“ (ankommen) zu lassen, aber auch um die Empfänger zu verwirren* und neu zu lenken. Pausen sind jedoch auch wichtig vor bedeutenden Aussagen und zwischen Gedankenabschnitten. Blickkontakt während des Vortrages erhöht die Präsenz des Sprechers. Und, unserer Dozentin besonders wichtig, das geerdete Stehen. Hierunter wird die Einnahme eines sicheren Standes verstanden, bei dem sie Füße im Abstand der eigenen Schulterbreite das Fundament bilden, und eine betont grade, aufrechte Haltung das Zwerchfell befreit und für freie Atmung sorgt. Denn eine Rede zu halten, bedeutet langes und lautes Sprechen – und das ist harte Arbeit!

* [Beispiel aus einem Gottlieb Wendehals Stimmunglied: „Wir ziehen los mit ganz großen Schritten, und Erwin faßt der Heidi von hinten an die …(rhetorische Pause)… Schulter." (Natürlich, oder was haben Sie gedacht, wohin er fasst?)]

 — Soweit der Unterricht, ab hier folgt zusätzliche Info in die sich der Autor aus persönlichem Interesse eingearbeitet hat. Dies ist jedoch nicht Bestandteil des Unterrichts gewesen, und somit auch keinesfalls Klausurrelevant! —

Ehtos & Pathos

Das reicht aber immer noch nicht für eine wirklich gute Rede aus. Es gibt da noch Ethos und Pathos. Unter Ethos versteht man das Image des Sprechers. Dies trägt entscheident zur Wirkung des Gesagten bei. Wenn ein Herumtreiber mit einem Schild herumläuft und das Ende der Welt verkündet, wird dies wohl niemand ernst nehmen. Aber was wäre wohl, wenn sich der Papst auf den Petersplatz stellt und genau das Gleiche macht? (Schon gut, braucht ihr nicht zu beantworten, war ’ne rhetorische Frage 😉 )
Mit Ehtos wird heute sehr viel Geld gemacht. Besonders bei Schauspielern und Musikern. Bono ist unter anderem deshalb soviel glaubhafter als die Spice Girls, weil er eben Vollblutmusiker und kein Castingwunder ist.
Pathos steht für die Affekterregung und das „Abholen“ der Zuhörer auf emotionaler Ebene. Dies können zum Beispiel Versicherungsvertreter ganz gut. Da werden dann farbenfroh und schillernd Blitz und Donner für die Hausrat-, klapprige Leitern und schusselige Kollegen für die Berufsunfähigkeits- und die Rentenlücke, Altersarmut und teure Pflegeheime für die Lebensversicherung herbeibemüht. Manchmal recht erfolgreich. Kommt immer auf den Ethos des Sprechers an..

 

rethorische Figurenlehre – Stilistik

Zum Ende nochmal richtig viel Stoff. Mit der Figurenlehre wird es richtig interessant! Denn dies sind durchaus manipulativ eingesetzte Techniken, die den Zuhörer in die Bahnen und den Bann des Redners holen sollen. Wenn von einem als „hervorragendem Rhetoriker“ gesprochen wird, so ist meist gemeint dass er -neben dem bisher genannten- vor allem die rethorische Figurenlehre besonders gut beherrscht. In der Figurenlehre gibt es mannigfache Figuren, hier stelle ich deshalb nur beispielhaft einige vor:

Alliteration – Klangfigur

Verwendet gleichlautende Anfangsbuchstaben um die Einprägsamkeit einer Botschaft zu erhören. Wird deshalb sehr oft in der Werbung genutzt. „Mars macht mobil

Anakoluth – Wortfigur

Hierbei wird absichtlich der scheinbar geplante Satzbau unterbrochen um den Redner spontan und dramatisch wirken zu lassen. Häufig bei Politikern zu beobachten, die damit lebhaft und authentisch wirken wollen. „Wir müssen besonders an die Alten denken, denn die haben dies alles erarbeitet was… //Bruch//..und überhaupt, auch an die Arbeiter müssen wir denken, die jetzt aktuell!….“
Unvergessen wohl auch Mario Ohovens praxisnahes Beispiel bei einem unangenehmen Interview: Sich kratzen, Blick zur Uhr, „…ich muss weg!„, steht auf und geht.. (OK. Passt hier nicht wirklich, weil es war ja nicht im voraus geplant. Aber ist trotzdem lustig und das verlinkte Video macht das Beispiel anschaulicher.)

Anapher – Wortfigur

Die Anapher lebt von der Wiederholung. Ein Wort oder Name wird möglichst oft an den Anfang eines Satzes gestellt um ihm mehr Bedeutung beikommen zu lassen. Schönes Beispiel von Cicero: „Scipio hat Numantia vernichtet, Scipio hat Karthago zerstört, und Scipio hat Frieden gebracht“

 

Anastrophe – Wortfigur

Vertauscht zusammengehörende Wörter um Aufmerksamkeit zu erregen, oder die Betonung auf das jeweils andere Wort zu legen. „Meinungsmache“ könnte so entstanden sein, „Hänschen klein“ betont die Kleinheit, aus „ohne Zweifel“ wird „zweifelsohne“ eine neues Wort. Kann aber auch dazu führen, ganz neuen Sinn zu erzeugen: „Computer-Scanner“->“Scannercomputer“. Ersteren finde ich nicht bedrohlich. Letzterer macht mir schon etwas Angst.

Apostrophe – Gedankenfigur

Damit soll der Eindruck erweckt werden, der Redner gebe sich gerade vollkommen seiner Rede hin und wird selbst von ihr mitgerissen. Im Eifer der Rede wechselt der Redner plötzlich an andere Adressaten  als das eigentliche Publikum und spricht mit Inbrunst weiter. Das können Priester ganz gut. „..und so lasset uns beten //Bruch// *Blick in den Himmel* -Damit der Herr uns höre!- //Rückkehr// und [b[bla..bla.blaa]

Asyndeton – Wortfigur

Lebt auch von der Wiederholung. Es werden drei oder mehr Synonyme aneinandergereiht, um der Aussage mehr Gewicht zu verleihen. Wird oft im Sport genutzt: „Und er rennt und läuft und sprintet und kämpft…

Chiasmus – Wortfigur

Der Chiasmus stellt gegensätzliche Begriffe in einem AB|BA Muster gegenüber und erzielt eine besonders theatralische Wirkung: „Der Einsatz war groß, klein war der Gewinn.

Klimax – Wortfigur

Der Klimax treibt durch Steigerung etwas auf seinen Höhepunkt zu. Üblich ist die dreifache Steigerung. Beispiele gibt es erfreulich viele:
vini, vidi, vici“ – Ich kam, sah und siegte!
Mein Bruder, Mein Hauptmann, mein König“ (aus Herr der Ringe)
Er sei mein Freund, mein Engel, mein Gott“ (Schiller, Die Räuber)
Der Antiklimax macht es umgekehrt:
Da ist der Großvater, der Vater und das Kind“ (Mario Liedtke, 2011, anläßlich eines Artikels für seinen Blog)

Parallelismus – Wortfigur

Hier wird nach AB|AB Muster eine Wiederholung gebaut um das Gesagte zu vertiefen. „Ich bin befördert, ich bin weiter!

Pleonasmus – Wortfigur

Im Pleonasmus wird nicht nur Wiederholt, sondern verdoppelt. Natürlich auch um die Wirkung zu erhöhen und zu unterstreichen.
Das nasse Wasser
Der Düsenjet (jet=Düse), der alte Greis, das runde Rad, Chiffrenummer (chiffre heißt bereits Nummer), HIV-Virus, LCD-Display, Nicht hierzu gehört  der FilmFilm von Sat1 – das ist einfach zu plump.

Praeteritio – Gedankenfigur

Dieser Trick ist ganz besonders toll, wenn man verboten bekam, über etwas zu sprechen. Oder die Zeit dafür nicht reicht. Es ist ein fast schon ironischer Trick, denn der Sprecher verkündet, nun zu ganz wesentlichen Punkten zu kommen und deshalb ein paar unwichtigere auszulassen – anstatt sie jedoch wirklich auszulassen, benennt er die Auslassungen – und läßt sich auf diese Art auf sie ein. „Ich komme jetzt also zu den wichtigen Punkten und lasse die havarierte Ölplattform im Golf von Mexiko aus und ..“ .. das kommt wohl besonders gut, wenn die Inhalte der Auslassung noch gar nicht allgemein bekannt waren..

 

 

 

 

 

 

 

 

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Über den Autor

Mario Liedtke

Mario Liedtke hat 2013 an der DAA Düsseldorf den 'Staatlich geprüften Betriebswirt' erworben. Nun bastelt er an seinem Master (MBA). Außerdem fotografiert er gerne und fliegt gelegentlich 3D-fähige RC-Helicopter. Manchmal verbindet er auch beides miteinander.

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1 Kommentar

  1. Mario Liedtke

    Nachträglich habe ich noch weitere rhetorische Sprachfiguren gefunden. Genaugenommen ist es plötzlich sehr überraschend, denn die ein oder andere Figur kennt wohl jeder von uns, ohne sich jedoch bewußt zu sein, dass dies bereits die hohe Schule der Rhetorik ist. Z.B. die Pointe.. aber seht selbst:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_rhetorischer_Stilmittel

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