Aug 07 2011

Mein VWL-Dozent

Eigentlich ist es „Eulen nach Athen tragen“ über meinen VWL-Dozenten zu berichten. Denn wir sind (waren) der letzte Jahrgang der ihn vor seinem Abgang von der DAA noch erlebt (hat). Aber es wäre auch schade, nicht über ihn zu schreiben. Unter anderem aus diesem Grunde beginne ich auch mit ihm.

Als Herr VauWehEll den Raum betrat, sah ich einen sportlich-schlanken Herrn im Anfang seiner sechziger. Die durchgängig graumelierten Haare und der jugendliche Elan sowie sein Charisma beeindruckten mich und erinnerten mich an Sean Connery. Während der ersten Zeit konnte ich Herrn VauWehEll schlecht einschätzen, vermutete jedoch das Beste. Genau genommen kann ich ihn auch heute noch nicht genau einschätzen. Auf jeden Fall ist er jedoch das, was man gemeinhin als „Original“ bezeichnet: Ein in sich gefestigter, nicht ganz alltäglicher Charakter. Ich war jedenfalls sehr froh ihn doch noch erleben zu dürfen – es war ja sein letztes Jahr an der DAA – weil er entweder eine absolute Koryphäe (höchstwahrscheinlich) oder ein echter Aufschneider (unwahrscheinlich) sein müsste.

Während seines Unterrichts konnte es vorkommen, das ich unfreiwillig nebenbei körperliche Ertüchtigung leistete. Wenn er sich in kontrollierte Rage redete und in seinem Fach aufging, kam es schonmal regelmäßig vor, dass ich sozusagen am ausgestreckten (aufzeigendem) Arm „verhungert“ bin. Das ist auch einer meiner Hauptkritikpunkte an ihm. Wenn einer dieser häufigen Monologe von bis zu ca. 15min startete, und mir nach 2-3min kleine Diskrepanzen auffielen, oder ich einfach kurz eine Verständnisfrage hatte, so durfte ich jeweils bis zum Ende warten bis ich das Wort bekam – um dann abgewunken zu werden, weil das Thema ja schon längst „woanders“ ist..

Fachlich ist Herr VauWehEll wirklich ziemlich nah an der Koryphäe. Man kann zwar manchmal anderer Meinung sein, muss aber dann meist feststellen, sich verheddert zu haben. Mittlerweile habe ich jedoch auch aus verschiedenen Quellen schon erfahren, dass er nicht nur mich polarisiert, sondern auch andere. So gab es einen Thread im DAA-Forum indem jemand sich bitterlich über Herrn VauWehEll beschwerte und Gründe und Situationen nannte, die ich nachvollziehen konnte. Sogleich wurde er von anderen jedoch auch wieder zurechtgestutzt, die Herrn VauWehElls Kompetenz und Methoden sehr lobten. Es schien auf jeden Fall bekannt zu sein, dass Herr VauWehEll sich in den ersten beiden Semestern noch nicht besonders auf die Studenten einläßt, sondern erst im dritten und vierten Semester offener und diskussionfreundlicher wird. Dummerweise habe ich ihn gottseidank leider nur die ersten beiden Semester… (Ihr bemerkt vielleicht meine immer noch latente Unentschlossenheit?)

Fachlich also, ist er absolut sattelfest. Seine Gleichnisse hingegen brachten mich oft an den Rand der Verzweiflung. Da stellt er den Menschen natürlich richtigerweise an die Spitze der Evolution, begründet dies jedoch damit, dass der Mensch seine Taten reflektiert und zukunftsgerichtet denkt und sich somit von den Tieren unterscheidet. – . (Punkt, Gedankenstrich, Punkt). Dies sehe ich nicht unbedingt anders, aber die Begründung empfinde ich als grotesk falsch. Raben benutzen Werkzeuge um sich weitere Werkzeuge herzustellen um Probleme zu lösen die sie vom Futter fernhalten. Eichhörnchen und Raben legen sich Vorräte an und verstecken diese. Raben täuschen dabei sogar andere Beobachter indem sie so tun, als hätten sie etwas bereits vergraben…. Und das soll keine Reflektion und zukunftsgerichtetes Handeln sein??
Oder er begründet die Anordnung der Schutzbleche bei Geländemotorrädern (Schutzblech fest unter dem Scheinwerfer, statt knapp über dem Reifen) damit, dass sonst ja in den grobstolligen Reifen verklemmte Steinchen das Rad blockieren könnten. Aaaaarghs!!! Fataler Irrtum! Um diese (geringe) Gefahr zu vermeiden, würde ein wenig mehr Abstand zum Reifen ausreichen. Der wirkliche Grund ist die Verringerung der ungefederten Massen! Ein Schutzblech das knapp über dem Reifen ist, ist am unteren Ende der Telegabel montiert und bildet eine Einheit mit dem Rad, der Bremse und dem unteren Teil der Telegabel. Dieser gesamte Bereich ist folglich ungefedert. Je schwerer dieser Bereich ist, desto schlechter ist das Ansprechverhalten der Federung. Bei einem Geländermotorrad, das in hohem Tempo mit bis zu 30cm Federweg über Kies, Kopfsteinpflaster und Schlamplochpfützen gejagt wird, ist Ansprechverhalten das A&O! Deshalb wird jegliches überflüssige Gewicht von den ungefederten Massen ferngehalten!!
(So, das lag mir ja schoooon so lange auf der Seele.. Vielleicht liest Hr. VauWehEll dies ja sogar) 🙂

Verbaler Korinthenkacker

Noch immer war ich mir trotzdem nicht sicher, ob ich nun besonders froh sein sollte, Herrn VauWehEll als Dozenten zu haben, oder besonders viel Pech gehabt habe. Genau da passierte nun Folgendes:
Herr VauWehEll stellte eine Frage, und ein Student aus dem oberen Leistungsdrittel beantwortete sie mit „Ja, da ist doch dann K‘ (Kah-Strich) gesucht!“. (Gemeint ist damit die erste mathematische Ableitung der Kostenfunktion). „NEIN!“ schleuderte ihm Herr VauWehEll zurück und plötzlich war es recht ruhig in der Klasse. Mit tiefen Denkerstirnen versuchten sich nun ca. 30min die verschiedensten Glücksritter, Herrn V.’s Frage zu beantworten. Aber es wurde alles nur schlimmer. Kurz bevor wir befürchten mussten, dass er blau anläuft und umkippt, sagte ein zartes Stimmchen „Grenzkosten????“ in den Raum. Augenblicklich entspannte sich die Lage, denn Herr VauWehEll wiederholte mehrmals laut: „JA!“ und „Ja! Genau. Das sind die G-R-E-N-Z-K-O-S-T-E-N!“.. Ich, und wohl auch kein anderer konnte sich zwar mehr an die Frage erinnern, aber wenigstens war diese Hürde genommen.
Was das nun mit verbalem Korinthenkacken zu tun hat? Nun. K‘ ist die Abgrenzung der Kosten. Man nennt es auch GRENZKOSTEN.
Der Unterricht ging weiter. An die nächste Frage kann ich mich noch gut erinnern, denn ich versuchte sie mit als Erster zu beantworten. Frage: „In einem linearen Kostenverlauf sind die Grenzkosten _______(was)?“ .. Meine Antwort war: „Gleichbleibend“… „NEIN!“ war die instante Antwort! Es sollte noch weitere 10min dauern, bis jemand auf den Begriff „konstant“ kam, welcher dann von Herrn VauWehEll nicht nur akzeptiert, sondern sogar gefeiert wurde.
Immerhin. Wir waren schneller geworden. Nur noch 10min statt 30min.
Unter Unterricht und lernen stelle ich mir jedoch eigentlich etwas anderes vor. Wir gehen ja nicht hin, um schon perfekt zu sein. Und ich empfinde es als kontraproduktiv, wenn mir korrekte Lösungen in unkorrektem Gewand während der Lernphase als falsch verkauft werden. Zwar werde ich nun lebenslang nie wieder „gleichbleibend“ zu ihm sagen, sondern nur noch „konstant“. Meine sprachliche Präzision hat sich also erhöht. Ich frage mich immer noch, ob ich ihm dafür irgendwann einmal dankbar sein werde. Nach dieser Stunde habe ich ihn jedoch erstmal gehasst.

Dieser liebenswerte, alte Mann!

Mittlerweile scheint ihm aufgegangen zu sein, dass er mit uns sein Verhalten des dritten + vierten Semesters etwas vorziehen muss, damit wir es noch erleben. In den bis dato letzten beiden Blöcken hat er mich doch tatsächlich mal drangenommen, wenn ich aufgezeigt habe. Und es ist gleich zweimal etwas extrem seltenes passiert. Er hat meine Antwort nicht als falsch oder unpassend abgewunken. (Wie einfach so etwas passiert, wurde oben deutlich, denke ich). Nein, er hat sie kurz und knapp mit „Genau!“ und einem Lächeln angenommen!
Ich wollte mein Glück nicht überstrapazieren und habe mich deshalb nicht getraut mich noch ein drittes Mal zu melden. Außerdem hatte ich auch gewisse körperliche Probleme. Denn ich folgte dem Unterricht nun mit weit aufgerissenen Augen und sah trotzdem nur noch verschwommen. Aus irgendeinem Grund hatte sich der relative Flüssigkeitsanteil meiner Augen erhöht. Nachdem ich 3-5min ohne Blinzeln und fast blind überstanden hatte, wähnte ich einen passenden, unbeobachteten Moment und wischte mir die verräterischen Freudentränchen weg. Puh! Scheint niemand gemerkt zu haben 😀
Auch ganz abgesehen von meinem persönlichen Glücksmoment waren dies die absolut allerbesten Stunden mit ihm, wie auch ganz unabhängig der Rest meiner Klasse meinte. Schade, dass er nicht immer schon so war.

Unsere wertvollste Lektion

Eins dieser kleinen Indize, dass es sich bei unserem Herrn VauWehEll um eine ganz außergewöhnliche Person -im positiven Sinne- handelt, war für mich seine Definition von „Berufschüler oder Student“. Dies ist in der Tat eine Weisheit und Erkenntnis. Sie hat bewirkt, dass es einmal mehr bei mir „Klick!“ gemacht hat. Sie offenbart aber auch, warum er üblicherweise bis zum dritten Semester abwartet, bevor er seine persönliche Distanz fallen läßt. Zwar hasst er es, wenn jemand einen Satz mit „Meine Wenigkeit denkt ja dazu..“ beginnt und rügt dann sofort „Das will ich nicht hören! NIEMAND von ihnen ist WENIG!“.. Aber genau genommen sind es einige für ihn schon. Nämlich die „Berufsschüler“. Und die erleben in der Regel kein drittes Semester.. Filtering by Selfdisqualification sozusagen.

Student oder Berufschüler?

„Wollen Sie Student sein, oder Berufsschüler?“ war seine Frage also eingangs. Kollektives Unverständnis über die Frage machte sich breit. Doch bald fiel die Wahl und das Verständnis leicht.

Der Berufsschüler

freut sich, wenn eine Stunde ausfällt oder früher endet, ein Lehrer krank wird, man während des Unterrichts essen und schwatzen kann. Er mag leichte Kost und Vorträge und hasst Gruppenarbeiten, Hausaufgaben und Vorträge die er selbst halten muss. Wenn schon Unterricht sein muss, sitzt er am liebsten da und läßt sich berieseln.

Der Student

will wirklich etwas lernen, es geht ihm um seine persönliche Weiterentwicklung und er weiß, dass er für die Unterrichtszeit bezahlt – also will er auch möglichst viel davon erhalten. Vorträge mag er ungern halten, erkennt sie aber als Herausforderung.

Ergebnis

Man muss so ehrlich sein und sagen, dass wir einige „Berufsschüler“ in unseren Reihen haben. Schön ist aber, dass ich in Zeiten der eigenen Antriebslosigkeit meinen inneren Schweinehund nun fragen kann: „He, was willst du sein, hmm? Berufsschüler oder Student?“. Wer das Buch „Besiege deinen inneren Schweinehund“ kennt, weiß, dass der Schweinehund eigentlich unser Freund ist, der uns beschützen will. Und das meiner mich nun unterstützt. Danke, Herr VauWehEll!

Herr VauWehEll

Ich glaube, ich schwanke nicht mehr. Ich bin wirklich doch sehr froh, ihn noch kennengelernt zu haben. Auch wenn es wirklich nicht immer leicht mit ihm ist. Auch wenn es lange gedauert hat, bis er sich erlaubt hat, mit uns warm zu werden. Bald wird der Zeitpunkt des Wechsels kommen und wir werden für das dritte+vierte Semester einen neuen VWL-Dozenten erhalten. So sehr ich manchmal diesen Wechsel herbeigesehnt habe, desto mehr Angst habe ich mittlerweile vor dem unbekannten…
Trotzdem freue ich mich aber auch, denn es gibt noch ein kleines Geheimnis das ich unserem Herrn VauWehEll zum Abschied offenbaren kann, von dem bisher nur drei Personen wissen…

(Huch, Scheisse, ist das wieder lang geworden.. aber ihr wißt schon.. Mein Problem mit dem „Fass‘ dich kurz“ ..) 🙂

 

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